Zur Geschichte der Historischen Bibliothek des

Thüringer Oberlandesgerichts in Jena

SachsenspiegelNach Gründung der Universität Jena im Jahre 1558 durfte die Juristische Fakultät zu Gutachten in praktischen Rechtsfragen herangezogen werden. Die kaiserliche Stiftungsurkunde von Ferdinand I. bekräftigt dieses Privileg ausdrücklich. Noch im Gründungsjahr übernahm ein besonderes Kollegium von Professoren diese Aufgabe: der Schöppenstuhl. Er beendete seine Tätigkeit erst nach dem Inkrafttreten des deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes am 12. Mai 1881, hatte aber schon vorher durch die richterlichen Befugnisse der Landesregierungen erheblich an Bedeutung verloren.

So errichteten die ernestinischen Herzogtümer bereits im Jahre 1566 das gemeinschaftliche Hofgericht in Jena. Mit diesem Gericht wurde das bereits seit 1544 in Coburg bestehende Hofgericht vereinigt.

Ein Staatsvertrag vom 8. Oktober 1816 schuf die Voraussetzungen zur Bildung des Gemeinschaftlichen Oberappellationsgerichts als Vorgänger des heutigen Oberlandesgerichts. Am 7. Januar 1817 wurde das Oberappellationsgericht eröffnet und das Hofgericht in Jena aufgehoben.

3000 Bände aus dem Bestand des Hofgerichts bildeten den Grundstock der Bibliothek des Oberappellationsgerichts. Aus verschiedenen ex libris des Bestandes geht hervor, dass auch Bestände weiterer Gerichte verschiedener Thüringer Herzogtümer in den Bestand der Bibliothek des Oberappellationsgerichts überführt wurden. Daneben reicherten auch Schenkungen den Bestand an.

Die Bibliothek war von Anfang an eine Dienstbibliothek für die Mitarbeiter. Der jeweilige Sekretär des Gerichts führte die Aufsicht über die Bibliothek. Für Neuerwerbungen standen jährlich 100 Taler zur Verfügung.

Der Bestand war auf 9000 Bände angewachsen, als zwei weitere Staatsverträge vom 19. Februar 1877 ("Vertrag über die Aufhebung des Gesamt-Ober-Appellationsgerichts zu Jena" und "Vertrag zur Errichtung eines gemeinschaftlichen Oberlandesgerichts") anschließend die Grundlage für ein gemeinsames Oberlandesgericht für die Thüringer Staaten bildeten. Dieses nahm am 1. Oktober 1879 in Jena seine Tätigkeit auf.

Seit dem 1. Juni 1880 war der Registratur-Beamte Wilhelm Constantin Helmrich mit der Beaufsichtigung und Instandhaltung der Bibliothek beauftragt. Er erarbeitete das erste gedruckte Bestandsverzeichnis, welches 1885 erschien. Es umfasste bereits 3867 Nummern mit 12000 Bänden. Dieses Bestandsverzeichnis wurde bis 1928 durch Nachträge laufend ergänzt.

Die Bibliothek verfügte über keinen gesonderten Etat, für Neuerwerbungen standen durchschnittlich 2200 Mark jährlich zur Verfügung. Ab 1895 erfolgt eine Ausleihe auch an Personen, welche nicht dem Oberlandesgericht angehörten. Jährlich wurden in den Büchereiräumen 50 000 Bücher von etwa 10 000 Personen benutzt und etwa 4 000 bis 5 000 Bücher ausgeliehen. Die Büchereiordnung vom 12. September 1918 regelte die Benutzung.

Die Zentralisation juristischer Bestände in Jena führte dazu, dass die Bibliothek bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts als einzige gute Fachbibliothek in ganz Thüringen gelten konnte. Mit Gründung des Landes Thüringen unterstand die Bibliothek dem Justizministerium in Weimar. Besitzer waren die beteiligten Thüringer Staaten und Preußen.

1928 - der Bestand mittlerweile auf 52 000 Bände angewachsen - konnten die beabsichtigten Nachträge zu den Katalogen und ein umfassendes Schlagwortregister aus finanziellen Gründen nicht mehr publiziert werden. Der damals vorhandene alphabetische Katalog ist heute verschollen. 1932 wurden die Mittel für Neuerwerbungen eingeschränkt und Benutzungsgebühren eingeführt.

Nach 1945 können keine wesentlichen Erweiterungen des Bestandes mehr verzeichnet werden. Auch endeten 1944/45 die meisten Zeitschriftenabonnements. Der Bestand war zu diesem Zeitpunkt auf ca. 70 000 Bände angewachsen.

1945 wurde das Oberlandesgericht einschließlich seiner Bibliothek nach Gera verlegt. Anfang 1950 erfolgte ein erneuter Umzug von Gera nach Erfurt.

Die am 28. August 1952 veröffentlichte "Verordnung über die Neugliederung der Gerichte" forderte die Errichtung von Kreis- und Bezirksgerichten und führte in ihrer Konsequenz auch zur Auflösung des Thüringer Oberlandesgerichts. Die OLG-Bibliothek wurde deshalb im Oktober 1952 an das Institut für Staats- und Rechtswissenschaft in Potsdam-Babelsberg überführt. Dieser Umzug war im April 1953 beendet. Infolge der Größe des Bestandes und der guten Erschließung auf Grundlage der gedruckten Kataloge blieb sie in ihrer Substanz erhalten und wurde nicht in die vorhandene Bibliothek eingegliedert. Mit Wirkung vom 1. Januar 1959 erfolgte die Vereinigung der Bibliothek des Deutschen Instituts für Rechtswissenschaft mit der Bibliothek der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft "Walter Ulbricht" in Potsdam-Babelsberg. Damit wurde die Jenaer OLG-Bibliothek Bestandteil dieser Bibliothek, blieb aber wiederum in sich erhalten. Nach der 1991 erfolgten Abwicklung übernahm die Universitätsbibliothek Potsdam die vorhandenen Bücherbestände.

Nach Neugründung des Landes Thüringen versuchten bereits im Herbst 1990 hiesige Verantwortliche erste Schritte zur Rückführung der ehemaligen OLG-Bibliothek nach Thüringen einzuleiten. Kurz darauf meldete die Universitätsbibliothek Potsdam Ansprüche für das Land Brandenburg an. Am Ende schwierigster und langwieriger Verhandlungen stand ein Kompromiss, der vorsah, dass die das preußische Recht betreffenden Teile als Dauerleihgabe in der Universitätsbibliothek Potsdam verbleiben.

Am 22. Oktober 1998 war die Rückführung der Bibliothek an ihren angestammten Platz in Jena abgeschlossen. Am 10. November 1998 konnte der damalige Präsident des Oberlandesgerichts, Herr Dr. Bauer, der maßgeblich für das Gelingen ihrer "Rückholung" verantwortlich zeichnete, die Bibliothek offiziell wiedereröffnen.

Die aus Potsdam zurückgekehrte Bibliothek umfasst (ohne Berücksichtigung der in Potsdam verbliebenen Dauerleihgabe) 32 793 Bände. Dies ergab die Zählung nach Rückführung des Bestandes. Da sich aber darunter zahlreiche Konvolutbände befinden, ist die Anzahl der Titel deutlich höher.

Von diesem Bestand gehören 13 127 Bände (40 %) zum historischen Buchbestand. Davon stammen 135 Bände aus dem 16. Jahrhundert, 286 Bände aus dem 17. Jahrhundert, 1557 Bände aus dem 18. Jahrhundert und 11149 Bände aus dem 19. Jahrhundert.

Von den wertvollsten Werken der Bibliothek können ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit genannt werden:

Dölffer, Johann Anton: Processus juris militaris informativus. - Leipzig, 1702
Fritsch, Ahasverus: Corpus juris venatorio forestalis tripartium. - Jena, 1675
Godefroy, Denis: Corpus juris civilis. - Genf, 1590
Gregor XIII. [Papst]: Index tractatuum universi iuris. - Venedig, 1585-1586 
Maestert, Jacob: Tractatus tres. - Leiden, 1539
Meckbach, Hieronymus Christian: Anmerkungen über den Sachsenspiegel. - Jena, 1764
Sylvanos, Lorenzo: Consilia. - Lyon, 1551
Zobel, Christoph: Sachsenspiegel. - Leipzig, 1561

Die im Katalog unter G 548 aufgeführte Inkunabel "Liber plurimorum tractatuum juris" aus dem Jahre 1488 fehlt leider im Bestand. Ihr Verbleib ist nicht aufklärbar.

Die Bibliothek enthält zahlreiche Werke Jenaer Professoren, darunter Johann Ludwig Schmidt (1726-1792), Carl Friedrich Walch (1734-1799), Paul Johann Anselm von Feuerbach (1755-1833) und Anton Friedrich Justus Thibaut (1772-1840).